Amor 2013

Der onomato künstlerverein beleuchtet in seiner neuen Veranstaltungsreihe Aspekte der Liebe, der Erotik in ihrer körperlich, geistigen und transzendenten Gestalt.
Der Titel Amor, also Liebe und gleichzeitig der Gott der Liebe, entstammt einem Bild Tizians mit dem Titel Amor sacro e profano, die himmliche und die irdische Liebe. Dieses Bild und seine Elemente bilden auch das Initial und den Ausgangspunkt bei der Konzeption dieser Reihe.
Als menschlicher Grundaffekt, Emotion und Urphänomen ist die Liebe allgegenwärtiges Thema und Konstruktionsfigur der Kunst. (So unsere These) Was habe nun die Werke, die wir heute zeigen, mit Liebe zu tun? Außer vielleicht im Titel ist das Abtauchen dieser Thematik in der künstlerischen Arbeit selbst nicht so offensichtlich. Als Interpretationshilfe für Sie zitiere ich noch einmal aus dem Vorwort von Julia Kristeva´s Buch Geschichten von der Liebe:
Als Psychoanalytiker weiß man, dass alle Geschichten letztlich von Liebe reden. ....Unsere Gesellschaft verfügt über keinen Liebescode mehr. Wir sind gezwungen, in jeder privaten, intimen Erzählung die Spuren jenes Leidens zu entziffern. Als Idealisierung, als Erschütterung, als Übersteigerung, Leidenschaft, Bedürfnis nach Vereinigung und Unsterblichkeit bildet die Liebe die Figuration unlösbarer Widersprüche, ist sie Laboratorium unseres Schicksals.... Die großen künstlerischen Werke reden von nichts anderem als dem, was, Tag für Tag, im stillen laut wird.
Noch eine weitere Bemerkung: Das eine Veranstaltungsreihe mit einer solchen Thematik im Rahmen der Bildenden Kunst überhaupt möglich geworden ist, hat auch mit einem veränderten Kunst- verständnis und veränderter Kunstformen zu tun. So wäre der direkte Bezug auf Liebe, auf erzählerische, emotionale Werte und Strukturen im formalen Kanon der Kunst vor Jahrzehnten nicht so möglich gewesen. Wie wir es heute in den künstlerischen Arbeiten sehen werden, hat das auch mit dem Einbezug zeitbasierter Medien wie Video, Film, Sprache, Text und Ton zu tun, die dies ermöglichen, und auch mit dem Herangewachsen der feminin, femistischen Haltung in der Kunst zu tun (eine unserer Thesen).

Norbert Kraus 2013


Haut der Figur I 2015

Der onomato künstlerverein widmet sich in diesen neuen Reihe der Figur und dem Prozess der Figuration in der Kunst. Dies scheint zuerst ein mehr formales Thema zu sein im Gegensatz zur Amor-Reihe des letzten Jahres, wo es ja um die Darstellung der Liebe in der Kunst ging. Dennoch glaube ich, dass es interessante Aspekte darin gibt, die vielleicht auf den ersten Blick gar nicht so ersichtlich sind. Es liefert einen methodischen Ansatz, mit der Bildphänomene der unterschiedlichsten Bereiche der Kunst in ein anderes Licht gerückt werden können.

Der Begriff der Figur hat in unserem Denken und nicht nur in der Kunst hauptsächlich zwei Bedeutungen: Figur als geschlossene und damit fassbare Gestalt und Form (gegenständlich wie ungegenständlich), andererseits beschreibt figurativ ein Ähnlichkeitsverhältnis zur Wirklicheit (z.B. Figurative Malerei, neue Figuration eine gegenständliche Kunst).

Das allein hätte mich nun nicht bewogen, ein solches Thema aufzugreifen. Auslöser war ein Buch des französischen Kunsthistorikers und Philosophen Georges Didi-Hubermann mit dem Titel Unähnlichkeit und Figuration bei Fra Angelico, einem Maler des 14.Jh.. Hubermann weist dort mittels Text-und Bildforschung auf, dass der Figurbegriff in der damaligen Zeit keinesfalls die gleiche Bedeutung hat wie heute und eine anderes, dialektisches Prinzip verfolgt. Figuration bedeutet dort den Prozess der Darstellung des Unähnlichen, des Unabgeschlossenen. Das hat zu tun mit der christlichen Theologie, nach der Personen wie Maria, Christus in unserem Figuraldenken nicht darstellbar sind in ihrer kosmologischen Gesamtheit. Der Künstler hat in seinem Abbildungszwang (kein Abbildungsverbot) diesen Widerspruch zu lösen, in dem er Elemente einführt, die den Figurbegriff zur Universalität und Virtualität hin verschieben. So interpretiert Hubermann Bilder Fra Angelicos mit Aussagen wie:
Dort ist die Figur die Zeit , der Ort, das scheinbar abstrakte gemalte Material des Marmors die Figur Mariens.
Frauke Tomszak hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass hier der Figuralbegriff des Literaturwissenschaftlers Erich Auerbachs übernommen wird, ich zitiere:
Die Figuraldeutung stellt einen Zusammenhang zwischen Geschehnissen oder Personen her, in dem eines von ihnen nicht nur sich selbst , sondern auch das andere bedeutet, das andere dagegen das eine einschließt oder erfüllt. Die Pole der Figur sind zeitlich getrennt, liegen aber, als wirkliche Vorgänge oder Gestalten, innerhalb der Zeit; sie sind in dem fließenden Strom enthalten, welcher das geschichtliche Leben ist, und nur das Verständnis ihres Zusammenhangs, der intellectus spirtualis, ist ein geistiger Akt.
Dieser veränderte Figurbegriff soll nun in dieser Reihe eine Erklärungs- und Verständnisschlüssel für Phänomene der Bildenden Kunst abgeben. Er schwebt nun so über den Vorträgen und muss vom Zuhörer mitgedacht werden.
Dass es sich nicht um eine spitzfindige Begriffsklauberei handelt, zeigt sich an einfachen Beispielen: der Gegensatz von Abstrakt - Gegenständlich, von Material und Form wird aufgelöst, in der Medienkunst wird die Zeit figürlich und in unserem heutigen Thema der Gartenkunst erscheint die Figur als Statue, als geometrische Ordnung und als Vergänglichkeit gleichermaßen.

kurz noch zum Titel, die Haut der Figur: Die Haut als größtes menschliches Organ grenzt ab, wie das sie öffnet, sie Atmung und Austausch ermöglicht. Sie verkörpert so dieses figurale Prinzip, um das es in dieser Reihe geht.

Von der Figur zur gedachten Form - Überlegungen zum Werk Erwin Heerichs. Das künstlerische Werk Erwin Heerichs wird gemeinhin in die geometrisierende Minimal Art eingeordnet, wie sie zu Beginn der 60-Jahre des vorigen Jahrhunderts entstand.
Über den figurativen Aspekt in seiner Arbeit und wie sie sich dadurch von dieser Einordnung unterscheidet wird im heutigen Vortrag sicherlich gesprochen werden. Später wurde Heerich vor allem als Architekt der Gebäude der Museumsinsel Hombroich wahrgenommen. Er verstarb 2004 im Alter von 82 Jahren.
Für mich selbst hat der heutige Vortrag eine besondere Bedeutung, da ich 8 Jahre lang Schüler bei Ihm an der Kunstakademie Düsseldorf war. In dieser langen Zeit ging es in unzähligen Gesprächen auch immer wieder um den Figurbegriff, um das autonome und das abbildende Figurprinzip. Dazu sind mir noch zwei seiner Gedanken zum heutigen Thema in Erinnerung und beschäftigen mich bis heute: einmal eine Definition von seinem Lehrer Matare Eine Figur zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein definiertes Oben und Unten hat. (Also ein Verweis auf die Tektonik).
Der zweite Gedanke betrifft die Bedeutung der Hohlkehle für die Qualität einer Skulptur, das heisst für die Gestaltung und das Bewußtsein des Übergangs von einem Formteil zum anderen. Dies könnte auch ein weiteres Bild für diese Reihe sein, wo es darum geht den Figurbegriff zu erweitern und seine widersprüchlichen Bestandteile ineinander zu überführen.

Norbert Kraus 2015


Ausstellung Daimon 2016 onomato künstlerverein

Ich möchte nun kurz etwas zur ihrer Entstehungsgeschichte und Thematik sagen. Ursprünglich wollten wir eine Ausstellung über das Geisterhafte in der Bildenden Kunst machen. Dann stießen wir über den Begriff des Dämonen auf den ursprünglichen griechischen Begriff des Daimon. Diesen fanden wir komplexer und in seiner Mehrschichtigkeit besser geeignet, Bezüge zu Phänomenen der Bildenden Kunst zu liefern. Dies wird schon durch die Begriffsbestimmung und ihren Wandel deutlich: Daímon kommt von griechisch daiesthai, d.h. Teilen, Zuteilen und bezieht sich auf das Schicksal, das bei der Geburt jedem Wesen zugeteilt wird. Das Nomen Daimon bezeichnet ursprünglich einen "Geist des Abgeschiedenen", ein Geistwesen, einen Genius, eine göttliche Macht, eine Kraft, sowie ein Geschick. Dämonen als Geistwesen finden wir vielen Kulturen der Welt, z.B.die Shins im Arabischen. Sie existieren unabhängig und neben der jeweiligen Götterwelt. Die Götter sind ihnen oft selbst unterworfen. Kulturgeschichtlich wandelt sich der Dämon zum spukhaften Geist, zum Wesen zwischen Gut und Böse und wird immer furchterregender. Er taucht nun nicht nur in der Welt auf, sondern kann auch die Psyche des Menschen beherrschen. Zuletzt wandert er in der Neuzeit in die Naturwissenachaft und Informatik in der Gestalt des Algorythmus, als unabhängig arbeitendes Programm und Prinzip. Ich stelle zusammend fest und das sind die Thesen der Ausstellung:
Dämonen sind kulturelle und psychische Konstrukte und Kräfte, die die menschliche Geschichte begleiten. Sie dienen zur Erklärung des Unerklärlichen, für schicksalhafte, rätselhafte Ereignisse und die Besessenheit der Psyche. Sie stecken überall. Aus ihrer nebulösen Existenz können sie in die Materie einsickern. So besitzen sie eine Wandelgestalt vom Programm, geistigen Prinzip zum sicht- und hörbaren Wesen. Sie sind uns Menschen bewußt wie unbewußt.
Und von nichts anderem handelt auch die Kunst und die Bildende Kunst. So sind die Kunstwerke per se dämonisch und handeln von Dämonen.
Sie thematisieren die Rätselhaftigkeit der Welt und des Menschen. Sie schwanken in Ihrer Gestalt zwischen abstrakt und gegenständlich. Sie werden geschaffen von Menschen, die unbewußt, bewußt einer Bestimmung folgen. Es ist die gesellschaftlich, politische Aufgabe des Künstlers die Dämonen seiner Zeit zu orten und zu bannen, wohlwissend dass es seine eigenen, inneren sind.
So wie die Dämonen der Wirklichkeit furchterregend sein können, so sind die gebannten Dämonen der Kunst sublim schön.
Ich hoffe, dass etwas davon in den künstlerischen Arbeiten dieser Ausstellung zu finden ist.

Norbert Kraus 2016


Ausstellung mono 2017 onomato künstlerverein

Ein Wassertropfen fällt in einen Grottensee: eine Erinnerung 5 Minuten Echtzeit Bildzeit.

Kristallbrunnen Computeranimation 5 min, HD, 2015

Norbert Kraus 2017